Ist Ihr Glas halb leer oder halb voll?

Die Sprache ist neben dem Erscheinungsbild, der Körpersprache und der Stimme unser zentrales «Kommunikationsorgan». Sie spiegelt unsere Erfahrungen, vermittelt Werte, stellt Beziehungen her. Vor allem schafft Sprache Fakten, kreiert Situationen und Emotionen. Gehen wir achtsam mit diesem machtvollen Instrument um, entfaltet es jede Menge positives Potenzial.

Zumindest in unseren Breiten häufen sich vor allem in der Umgangssprache viele mit Negationen (Verneinungen) wie z.B. «nicht» oder «keine» gespickte Formulierungen. Da sagen wir beispielsweise etwas war «gar nicht so schlecht» anstatt «richtig gut» oder gar «hervorragend». Unbewusst lenken wir damit unsere Aufmerksamkeit auf das eventuelle «Haar in der Suppe» anstatt auf die Freude über eine Top-Leistung. 

Eines der bekanntesten Beispiele für diese eher auf das Negative ausgerichtete Wahrnehmung ist sicher das halb leere oder halb volle Glas. Dazu eine kleine Rechenaufgabe, die den Unterschied zwischen leer und voll deutlich vor Augen führt: 
Ein halb leeres Glas x 2 = ein leeres Glas (zwei halbe leere «Glashälften» = ein ganzes leeres Glas) 

Ein halb volles Glas x 2 = ein volles Glas (zwei halbe volle «Glashälften» = ein ganzes volles Glas)  

Zugegeben, diese Rechnung ist ein wenig «frisiert». Genau genommen spielt sie mit der Perspektive des Betrachters. Je nachdem, worauf ich mich konzentriere, sehe ich das halb leere oder volle Glas. 

Ihre Worte steuern Ihre Wahrnehmung

Sie haben es also mittels Ihrer Wortwahl weitestgehend in der Hand, wohin Sie Ihren Blick lenken. Zu den «Killer-Worten» für eine positive oder zumindest neutrale Wahrnehmung von Situationen gehören neben den Verneinungen vor allem die Verben «müssen» und «sollen» sowie die Adverben «leider» und «bedauerlicherweise». 

So gerät beispielsweise eine schlichte Absage oder Terminverschiebung schnell zur Katastrophenmeldung, wenn es heisst: «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass das Seminar bedauerlicherweise erst am ... stattfindet» statt neutral und freundlich: «Das Seminar verschiebt sich auf den ... Wir hoffen, dieser Termin passt für Sie. Ansonsten setzen Sie sich bitte mit uns Verbindung.» 

Das Wörtchen «müssen» hat darüber hinaus noch eine besonders unangenehme Eigenschaft: es erzeugt häufig unbewussten Widerstand, suggeriert Belastung und Anstrengung, wo oft gar keine ist. Kaum jemand will gerne «müssen Müssen», doch wir sagen es immer wieder: 

  • Ich muss noch (schnell) dies oder das erledigen.
  • Ich muss unbedingt noch eine Geburtstagsgeschenk für meine Freundin/meinen Partner/meine Chefin besorgen. 
  • Ich muss die Präsentation für ... erstellen.

Doch es gibt Alternativen, mit denen Sie sprachlich und damit aktiv und bewusst die Führung übernehmen, anstatt sich etwas «aufzwingen» zu lassen, z.B.: 

Ich will noch dies oder das erledigen. 

Es ist mir wichtig/Es liegt mir am Herzen, ein Geburtstagsgeschenk für ... 

Ich mache mich jetzt dran und erstelle die Präsentation ...

Nichts ist IMMER so oder so 

Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zu einer positiv ausgerichteten Sprache sind Generalisierungen. Sie suggerieren, eine Situation sei immer auf eine bestimmte Art und verhindern so den Sichtwechsel vom Allgemeinen auf die spezifische Einzelsituation. Mit einer einfachen Fragetechnik aus der Neuro-Linguistischen-Programmierung (NLP) hebeln Sie diese «Fallen» aus, beispielsweise so: 

  • Meine Kollegin streitet immer mit mir. Streiten Sie wirklich immer mit ihr? 
  • Mein Chef lobt mich nie für meine Arbeit. Loben Sie denn Ihren Chef? 

Achtsamkeit in der Sprache hat viele Facetten, diese Beispiele sind nur ein kleiner, doch wirksamer Ausschnitt. In die tägliche Praxis bringen Sie diese Punkte in der ersten Zeit gut mit kleinen Remindern, nehmen Sie sich nicht zu viel auf einmal vor. Erklären Sie beispielsweise für eine Woche das Verb «müssen» zum Unwort und achten Sie darauf, wie oft Sie es nutzen. Allein das verändert Ihren Sprachgebrauch – sicher! 

Sie wollen den bewussten Umgang mit Sprache und Text in Ihrem Unternehmen vertiefen? Sprechen Sie mit uns.

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